Das Web ist ein großer Gleichmacher
Wenn Elon Musk seine über 6000 Starlink-Satelliten als Segen für Kriegs- und Krisengebiete anpreist, hat er recht. Egal wie die Infrastruktur am Boden aussieht, via Starlink können die Menschen sich ins Netz einklinken. Okay, das die Satelliten von einer einzigen Privatperson dirigiert werden ... geschenkt. Zugang für alle! Es ist der grundlegende Gedanke des Internets: Jeder kann sich vernetzen, kann sich austauschen, organisieren und informieren. Wissen und Macht über Kupfer, Glasfaser, Mobilfunk oder Satellit.
Wissen und Macht sind allerdings keine Einbahnstraßen und wir erleben immer mehr die umgekehrte Wirkung. Propaganda statt Wissen. Manipulation statt Macht. Wir werden nicht unbedingt mündiger, sondern verblendeter. Die Gefahr ist real, die Wissenschaft ist sich da einig und die europäische Politik reagiert vermehrt mit Verboten und Regulierung.
Das Web ist also ein Gleichmacher im Positiven wie im Negativen. Das war schon immer so, allerdings verschiebt sich der Schwerpunkt. Feierte man während der Arabischen Revolution die Neuen Medien als demokratische Kraft, bemerkt man jetzt den Zusammenhang von wachsendem Populismus und mentalen Erkrankungen.
Und seit einigen Jahren verändert sich die Rechnung nochmal deutlich – mit der Verbreitung von Algorithmen und KI.
Diese technologische Ausbaustufe zeigt eine ganz andere Bedeutung von Gleichmacherei: Nicht der Zugang ist gemeint, sondern Geschmack und Weltsicht.
Om Malik, ein geübter Denker und Beobachter aus der Silicon Valley-Bubble, schreibt dazu:
The algorithmic reality of technology platforms has codified conformity into the human condition. And it is very profitable—the real late-stage capitalism. Things are going to get worse with the new AI, that leans into the “mid” as a default, built entirely on the notion of conformity.
Malik ist nicht im Verruf ein Kulturpessimist oder Techno-Skeptiker zu sein. Im Gegenteil, er ist Investor in technologische Zukunftsprojekte. Aber auch er sieht die Geschehnisse, die nicht von der Hand zuweisen sind: Die massenhafte Vernetzung führt zu massenhaftem Vergleichen und Abschauen. Reichweite kommt durch Massenkompatibilität. Genau das fördern die Algorithmen und dem folgen wiederum die Content-Creator. Es ist ein Kreislauf, der in eine Spirale der großen Gleichmacherei führt.
We’re living in the endgame. Algorithmic reality doesn’t just commodify interaction. It standardizes imagination. The algorithms squeeze creativity out of millions by showing them exactly what “works.” We don’t get unique. We get infinite variations of the same.
And yet here we are. Our algorithmic gods are our teachers, tastemakers, and economic incentive all at once. Fall in line, and get paid.
Wie können wir diesen Kreislauf durchbrechen? In der Masse wahrscheinlich gar nicht. Der Geist lässt sich nicht mehr in die Flasche stopfen. Im Einzelnen aber schon. Die Antwort liegt nicht unbedingt nur im "Unplugging", also dem Offlinesein. Wir können die Vernetzung auch wieder bewusster für echte zwischenmenschliche Interaktionen nutzen. Ohne dazwischengeschaltetem Algorithmus, ohne KI-Systeme, die wie ein großer Gedanken-Mixer wirken.
Es ist nicht unmöglich. Oder?