📚 "Die Buddenbrooks" von Thomas Mann
Solch ein Werk mit zarten 25 Jahren hinknallen, das verlangt Respekt. Buddenbrooks: Verfall einer Familie ist 1901 erschienen und erzählt den Untergang einer Kaufmannsfamilie in Lübeck. Das Buch ist irgendwie verstörend und nüchtern betrachtet recht langweilig. Gleichzeitig ist es ein Meisterwerk und Thomas Manns Sprachfertigkeiten unerreicht.
Diese Widersprüchlichkeit hat mich schon beim "Zauberberg" von Mann beschäftigt. Beide Bücher sind im Verruf, anstrengende Schullektüre zu sein. Mann schreibt Schachtelsätze, die sich über ganze Seiten ziehen, er lässt seine Figuren in Monologe ausarten, die sich ins Tausendstel verzetteln. Im Moment des Lesens hat mich das durchaus aufgeregt. Nicht genug, dass ich das Buch weggelegt hätte, aber genug für ein lautes Seufzen.
Und dann, zumindest bei den Buddenbrooks empfand ich es so, ist da dieses lineare Erzählen. Der Untertitel des Buches lautet "Verfall einer Familie" und genau das passiert auch. Ein stetiger Niedergang, eine Talfahrt von der ersten bis zur letzten Seite. Das ist weit weg von der Art von Storytelling, die wir heutzutage gewöhnt sind. Das ist kein Hollywood, sondern deutsche Erzählkunst aus dem frühen 20. Jahrhundert. Viel härter und schonungsloser. Keine Kompromisse, kein Spiel mit den Emotionen des Lesers. Sehr deutsch, sehr lebensnah. Die einzige Überraschung im Buch ist die nüchterne Radikalität, wie Thomas Mann seine Figuren in den Abgrund treibt.
Aber dann, mit etwas Abstand, verzeihe ich es ihm alles wieder. Es fügt sich zu einem größeren Bild zusammen und ich denke: genau so und nicht anders, bitte. Danke.
Woran liegt das? Vielleicht ein kleines bisschen daran, dass Thomas Mann den Nobelpreis für das Werk erhalten hat. Das fordert Respekt ein. Es liegt sicherlich auch an seinem sprachlichen Genie, wenn er über Seiten (!) ein improvisiertes Klavierstück des kleinen "Hanno" beschreibt und damit das komplette Innenleben des Kindes offengelegt wird. Das ist eben verstörend und großartig zugleich. Verstörend im Moment des Lesens, wenn man im fünften Nebensatz hängt. Klappt man danach aber das Buch zu – und lässt den Eindruck sacken, bleibt der Geschmack von etwas Einmaligem und Perfektem zurück.
Das ist schwer zu beschreiben (wenn man nicht Thomas Mann ist); vielleicht kann man seine Bücher mit Gemälden vergleichen: Beim Lesen kommt es einem vor, als würde man nur einzelne Pinselstriche verfolgen, tritt man etwas zurück, entpuppt sich aber die Schönheit im Gesamtkunstwerk.
Der Zauberberg ist im Vergleich übrigens ein wesentlich komplexeres und deutlich märchenhafteres Buch. Ein Buch, das mehrmals gelesen werden muss. Das ist bei den Buddenbrooks nicht unbedingt der Fall. Sie müssen weniger intellektuell durchdrungen werden, sondern es ist vielmehr ein emotionales Erlebnis. Ein Mahnmal der Vergänglichkeit. Ein historischer Familienroman.