It's the infrastructure, stupid
Ich bin Fan der "Zeit". Der Verlag hat in den letzten zehn Jahren viele kluge Entscheidungen getroffen. Während andere Zeitungen nicht aus der Abwärtsspirale rauskommen, konnte die Zeit sich an die neuen Gegebenheiten anpassen. Oder besser gesagt: Die Entwicklungen kamen dem Medium auch entgegen.
Die Zeit hat immer stark auf Themen gesetzt, die den Lesenden Orientierung in verschiedensten Lebensbereichen geben sollen. Von Finanzanlage über Fitnessthemen bis zur Kindererziehung. Die Menschen sehnen sich gerade besonders nach Orientierung und Optimierung. Sie können die nüchternen Nachrichten eines "Spiegel" oder "Economist" weniger ertragen; sie wollen Einordnung und Hilfestellung. Und das von vertrauten Menschen. Von Autoren, deren Persönlichkeit in den Artikeln und Podcasts fühlbar wird.
Beides hat die "Zeit" schon immer geboten – und beides wird in den letzten Jahren verstärkt nachgefragt. Allerdings dreht sich der Zeitgeist gerade und ich habe das Gefühl, dass die "Zeit" es verschläft.
Das suggeriert zumindest das Interview im Medienmagazin "Journalist" mit Jochen Wegner, einer der Chefredakteure der "Zeit". Seine Aussagen wirken wie aus einer Zeitkapsel. Als wären sie vor 3-4 Jahren gemacht worden.
Punkt 1: Autoren im Spotlight haben
Sie [die "Zeit] ist seit ihrer Gründung ein Autorenmedium. Auch heute ist Giovanni di Lorenzo und mir die Vielfalt der Standpunkte wichtig, wir haben nie eine einheitliche Linie angestrebt, das wäre fürchterlich langweilig. Auf der Titelseite stehen sogar gelegentlich zwei Leitartikel, die sich diametral widersprechen, Giovanni hat ein ganzes Ressort dem Widerspruch gewidmet: Streit.
Viele Perspektiven im Heft zu haben ist super, aber Journalismus, der vor allem Haltung und Meinung transportieren soll, hat seinen Zenit überschritten.
In den letzten zehn Jahren wurde der Autor hinter der Story immer mehr in den Vordergrund gebracht. Es war eine Reaktion auf den Siegeszug von Social Media, das von starken Meinungsäußerungen lebt. Reagieren, aufladen und polarisieren. Das mögen die Algorithmen. Neben jeder Meinung ein Profilbild, eine Person, die um Aufmerksamkeit ringt. Genau das hat der Journalismus nachgemacht. Dieser Personenkult ist zum Gift für den Diskurs und die Meinungsbildung geworden.
Wir haben überall Meinungen und Aktivismus. Dabei entfernen wir uns vom eigentlichen Journalismus. Es ist Zeit, zurückzurudern.
Punkt 2: KI als journalistisches Helferlein
Ich nutze mehrmals täglich einen Agenten, der mir auf Zuruf in einer Viertelstunde anspruchsvolle Dossiers zusammenstellt, für die man sonst Tage brauchen würde.
Ich kann jetzt nicht beurteilen, was für Dossiers Wegner hier meint. Er bewertet den Einsatz von KI an anderen Stellen auch durchaus differenziert. Allerdings finde ich es besorgniserregend, wenn er von Dossiers spricht, die sonst Tage in Anspruch nehmen. Das muss komplexe Materie sein. Und wichtig obendrein, immerhin ist er Chefredakteur. Wer glaubt, dass KI bei solchen Tätigkeiten geeignet ist, der irrt. Dossiers zu erstellen ist ein Prozess bei dem das Thema durchdrungen wird. Ein dynamischer Prozess bei dem sich neue Ideen entwickeln. Wer das von KI erstellt, gewinnt nichts, außer Buchstabensuppe, die nach statistischen Wahrscheinlichkeiten generiert wird – und aufwändig manuell geprüft werden muss.
KI kann in Redaktionen sehr nützlich sein. Nämlich bei der Recherche. Das Durchdringen von sehr großen Datenmengen ist ein Talent der KI, das kein Mensch leisten kann. Geht es allerdings um die Inhalte selbst oder die Darstellung der Inhalte, ist KI immer nur eine billige Fake-Variante. Selbst die künstliche Vorlesestimmen, die die Zeit einsetzt, mag praktisch und günstig sein, kann aber nicht das Menschliche bieten.
Und das Menschliche ist es nunmal, das wir Menschen wollen. Wir sind soziale Wesen und menschliche Gedanken haben einen Wert, den eine KI naturgemäß nicht bieten kann. Daran wird sich auch mit den besten LLMs nichts ändern. Sie werden nur besser darin, uns zu imitieren, aber es wird immer das Künstliche bleiben.
Punkt 3: Die Infrastruktur
Auf TikTok erreichen wir im Monat mittlerweile mehr als 30 Millionen Views, das sind ebenfalls ganz andere Zielgruppen. Es gibt sogar ein Feature, das testweise für manche Nachrichtenangebote freigeschaltet ist, um auf Inhalte der eigenen Website zu verlinken. Wir haben dort kürzlich auf einen Test bei zeit.de verwiesen, mit dem ich repräsentativ einschätzen kann, wo ich im Vergleich zum Rest des Landes politisch stehe. Allein von TikTok kamen Hunderttausende zu uns. So sieht wahrscheinlich die Zukunft aus: Je weniger uns die großen, angestammten Quellen noch unterstützen, desto stärker müssen wir auf allen anderen Plattformen präsent sein.
Was wurde in in den letzten 20 Jahren über die Abhängigkeit von Google diskutiert? Dann über Facebook. Dann OpenAI. Oder TikTok. Haben wir irgendwas aus den vielen Diskussionen gelernt? Anscheinend nicht. Man springt von einer Abhängigkeit in die nächste und wirft sich dem Algorithmus um den Hals. Oder auch mehreren Algorithmen.
Die "Zeit" hat eine bemerkenswert gute Entwicklung was Auflage und die wirtschaftliche Situation betrifft. Sie ist eine der wenigen deutschen Medien, die sich trauen könnten, weniger in die Abhängigkeit zu gehen. Mehr eigene Distributionskanäle und Plattformen aufzubauen. Oder meinetwegen verstärkt auf das Fediverse zu setzen. Wir sehen die Verletzbarkeit bei der BBC, die von Trump attackiert wird. Wir sehen die Tech-Bros, die mittlerweile offen eine Abneigung gegen freie Presse zeigen und die Macht haben, jedes Medium der Welt zu attackieren oder zu kaufen. Wir sehen die AfD, die den ÖRR abschaffen will.
Wieso wagen wir es nicht, eine europäische Medienplattform aufzubauen und uns von der digitalen Nabelschnur der USA zu lösen?
Ja, Wegner sagt im Interview auch, dass Medien sich bei den Ausspielwegen diversifizieren müssen. Aber konsequent scheint man das nicht zu verfolgen. Man nimmt doch lieber die Kundschaft auf TikTok mit und macht Deals mit Google oder OpenAI.
Nur, wie kann unabhängiger Journalismus funktionieren, wenn die ganze Infrastruktur in Abhängigkeit ist? Wie können die Lesenden und Hörenden einem solchen Medium vertrauen?
Es ist an der Zeit, die digitale Infrastruktur als Nervensystem der Menschheit zu sehen. Und wer das Nervensystem kontrolliert, kontrolliert die Menschheit. Und die Pressefreiheit.